Trotz Politikversagen: Bürger treiben Energiewende im Westbalkan voran

Trotz Politikversagen: Bürger treiben Energiewende im Westbalkan voran

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Der Westbalkan kämpft mit Energiearmut und veralteter Infrastruktur. Lokale Energiegemeinschaften zeigen jedoch, wie Bürger*innen trotz fehlender staatlicher Maßnahmen die Energiewende vorantreiben. Der Artikel beleuchtet erfolgreiche Projekte, politische Rahmenbedingungen und die Hürden auf dem Weg zu einer nachhaltigen Energiezukunft.

An mehr als 280 Tagen im Jahr scheint die Sonne auf das rotbedachte Dorf Belica in Nordmazedonien. Doch während die Sonne als Energiequelle frei zur Verfügung steht, haben einige Dorfbewohner*innen in der Region nicht einmal genug Strom, um eine Waschmaschine zu betreiben. Früher verfügte das Dorf über Energieunabhängigkeit, nun leidet es unter Energiearmut. Aus diesem Grund beschloss die lokale NGO “Der Verein zur Entwicklung von Belica”, eine Energiegemeinschaft zu gründen.

Energieversorgungsprobleme und Umweltverschmutzung am Westbalkan

Energiearmut bleibt ein ernsthaftes Problem im Westbalkan. Steigende Energiepreise und Inflation in den letzten Jahren haben die Situation verschärft, was zu Schwierigkeiten bei der Deckung des grundlegenden Energiebedarfs geführt hat. Die Westbalkanländer setzen zwar kurzfristige Maßnahmen zur Unterstützung schutzbedürftiger Verbraucher um, langfristige Strategien bleiben jedoch begrenzt.

Aktuell wird die Region hauptsächlich durch Energie von Kohle versorgt. Rund 90% der Stromerzeugung in Kosovo stammt aus Braunkohle, in Serbien sowie in Bosnien und Herzegowina mehr als 60%, in Nordmazedonien und Montenegro knapp unter der Hälfte. Die anhaltende Abhängigkeit von Kohle in der Region schadet nicht nur der Umwelt, sondern auch vor allem durch Luftverschmutzung der Gesundheit der dort lebenden Menschen. Neben Kohlendioxid stoßen die Kraftwerke auch gefährliche Mengen an Schwefeldioxid aus, die die offiziell festgelegten Grenzwerte überschreitet und für schwere Gesundheitsprobleme sowie vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist. Nordmazedonien hat sich zwar verpflichtet, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen, es fehlen aber immer noch wichtige energiepolitische Maßnahmen. In Kosovo sowie Bosnien und Herzegowina gibt es weiterhin kein offizielles Ziel aus der Kohle auszusteigen.

Darüber hinaus wird viel Energie in die westlichen Balkanstaaten importiert. Mit der stiegenden Nachfrage nehmen auch die Einfuhren zu. Diese Abhängigkeit von ausländischen Energiequellen macht die Region anfällig für Preisschwankungen und geopolitische Spannungen. Bosnien und Herzegowina war bis vor Kurzem das einzige Land der Region, das netto Strom exportierte – größtenteils aus Kohlekraftwerken. In jüngster Zeit sind die Importe jedoch aufgrund von Produktionsschwierigkeiten um über 500 % stark angestiegen.

Auch andere Energiequellen bringen mehr Probleme mit sich, als sie lösen. Albanien produziert fast ausschließlich Strom aus Wasserkraft. Auch wenn der gewonnene Strom erneuerbar ist, werden Ökosysteme dabei gefährdet und die lokale Geologie geschädigt. Gleichzeitig sind Wasserkraftwerke dem Klimawandel ausgesetzt, da sich Veränderungen der Niederschlagsmuster direkt auf die Stromerzeugung auswirken.

Dezentral, lokal und nachhaltig: Neue Zugänge zur Energieversorgung

Vor diesem Hintergrund hat die lokale Bevölkerung begonnen, nach anderen Möglichkeiten der Stromerzeugung zu suchen. An dieser Stelle kommen Energiegemeinschaften ins Spiel. Energiegemeinschaften vereinen Gruppen von Bürger*innen, um in Energiefragen zusammenzuarbeiten. Gemeinsam wird beispielsweise Energieeffizienz verbesserrt oder erneuerbare Energie erzeugt. Die gewonnene Energie wird entweder für den Eigenbedarf genutzt oder in das Stromnetz eingespeist und verkauft.

Neben der NGO in Nordmazedonien gibt es eine Handvoll weitere erfolgreiche Projekte auf dem Westbalkan – vier Projekte aus der Region sind Teil des europäischen Netzwerks REScoop.eu. Im albanischen Dorf Kutë wurden Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden installiert, um den Wildfluss Vjosa zu schützen. „Wir wollten der Regierung eine klare Botschaft geben, dass die Gemeinde auch ohne den Bau eines Staudamms überleben kann“, sagt Olsi Nika, Projektkoordinator bei EcoAlbania. Die Energiegemeinschaft Elektropionir im serbischen Balkangebirge war ebenfalls eine Reaktion auf geplante Wasserkraftprojekte.

Die Vorteile von Energiegemeinschaften sind zahlreich. Durch die Entwicklung von solchen Kleinprojekten können Bürger*innen die Energiewende beschleunigen. Mit der reduzierten Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen werden auch die Energieimporte verringert, was zu besserer geopolitischen Sicherheit führt[. Außerdem werden durch die Senkung von Stromrechnungen die Energiearmut bekämpft. Dank dem Zusammenbringen von lokalen Bürger*innen werden die Gemeinschaften vor Ort gestärkt sowie die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit verbessert.

Das Konzept der gemeinsamen Nutzung erneuerbarer Energien findet auf internationaler Ebene immer mehr Anerkennung. Die UNO hat das Jahr 2025 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt. Außerdem hat die EU alle Mitgliedstaaten aufgefordert, bis Ende 2024 Rechtsvorschriften für Energiegemeinschaften einzuführen. Nach ihrer Wiederwahl zur Präsidentin der Europäischen Kommission schlug Ursula von der Leyen das Citizens Energy Package vor, um die Beteiligung der Bürger an der Energiewende zu verstärken. Dabei sind kleine gemeinschaftliche Energieprojekte ein wichtiger Punkt auf der Agenda.

Als Vertragsparteien der Energy Community, die sich aus der Europäischen Union und ihren Nachbarn zusammensetzt, haben sich alle EU-Beitrittskandidaten dazu verpflichtet, die wichtigsten Energievorschriften der EU zu übernehmen. Mit der Erneuerbare-Energien-Richtlinie aus dem Jahr 2018 wurden Anforderungen an nationale, regionale und lokale Behörden bezüglich Energiegemeinschaften eingeführt, um die Bürger*innen bei der Ausübung ihres Rechts auf die Erzeugung, Verbrauch, Speicherung und Verkauf von erneuerbaren Strom zu unterstützen.

Zwischen Hoffnung und Hürde

Doch die regionale Umsetzung der Richtlinien verzögert sich. Dabei stellen die technischen Anforderungen an sich kein wesentliches Problem dar. Auch unter Berücksichtigung der Modernisierung beziehungsweise Erweiterung des lokalen elektrischen Systems erfolgt der Anschluss der Energiegemeinschaften an das Netz schließlich ohne allzu große Schwierigkeiten.

Viel mehr fehlt die Unterstützung sowie Vereinfachung der Prozesse durch die jeweiligen Staaten. Auch wenn das technische Können verfügbar ist, werden die Verfahren durch einen hohen Verwaltungsaufwand verlangsamt. Ohne eindeutige Leitfaden stellt die Bürokratie eine erhebliche Herausforderung dar, was zu langen Wartezeiten oder sogar Genehmigungsverweigerungen führt.

Außerdem stellt die Finanzierung eine der größten Hürden dar, womit zukünftige Energiegemeinschaften zu kämpfen haben. In Serbien war das Projekt von Elektropionir auf Crowdfunding angewiesen, in Nordmazedonien wurden die Solarzellen mithilfe eines Zuschusses von der schwedischen Botschaft installiert. Nun wird in beiden Ländern die erzeugte Energie an das Netz verkauft, in Albanien geht das allerdings aus rechtlichen Gründen nicht.

Ein Blick nach unten, ein Schritt nach vorn

Nichtsdestotrotz haben diese Energiegemeinschaften Erfolg, wo die nationale Energiepolitik versagt hat. Anstatt auf Unterstützung durch die Regierung zu warten, hat die Zivilgesellschaft agiert. Dabei geht es nicht um die Größe des Projekts. Auch wenn die Solarzellen nicht die ganze Gemeinschaft mit Strom versorgen, dienen die Projekte als Beweis, dass solche Vorhaben möglich sind.

Energiegemeinschaften können einen wesentlichen Beitrag zur zeitgerechten Erreichung der europäischen klimaneutralen Ziele leisten. Dafür muss die Politik die zivilgesellschaftlichen Akteure einholen. Nun liegt es an den Behörden, aus den Erfahrungen dieser dezentralen Projekte zu lernen.

Die Erfahrungen aus Belica, Kutë sowie aus dem serbischen Balkangebirge zeigen: Dezentral organisierte Energiegemeinschaften können dort Wirkung entfalten, wo nationale Strategien versagen. Damit sie ihr volles Potenzial entfalten können, braucht es klare gesetzliche Rahmenbedingungen, finanzielle Unterstützung und den politischen Willen, bürgerschaftliches Engagement ernst zu nehmen. Gelingt dies, kommt die Region einer erfolgreichen Energiewende einen spürbaren Schritt näher.


 

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