Driftet Generation Z politisch auseinander? Warum junge Männer und Frauen in Europa zunehmend unterschiedlich wählen

Driftet Generation Z politisch auseinander? Warum junge Männer und Frauen in Europa zunehmend unterschiedlich wählen

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Geschlechterverhältnisse sind ein Dauerthema im öffentlichen Diskurs. Aktionstage wie der internationale Frauentag oder der Equal Pay Day machen regelmäßig auf strukturelle Ungleichheiten aufmerksam. Doch es sind oft auch einzelne Ereignisse, die zeigen, wie aufgeladen das Thema bleibt: Als im April 2026 Marie-Luise Eta als erste Frau eine Männerfußballmannschaft der deutschen Bundesliga übernahm, oder als Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen öffentlich machte, waren es weniger die Ereignisse selbst als die Reaktionen darauf, die den Stand der Debatte offenbarten. Frauenfeindliche Kommentare, Häme und Anfeindungen zeigen, dass Gleichstellung zwar politisch proklamiert, aber gesellschaftlich längst nicht verankert ist.

Zugleich machen immer wieder Studien Schlagzeilen, die sich vor allem mit der Generation Z und einem wachsenden Gender Gap zwischen jungen Männern und Frauen beschäftigen. Dieser betrifft sowohl politische Einstellungen, bei denen viele junge Männer deutlich rückständigere Rollenbilder vertreten, als auch ihr Wahlverhalten.

Kein einheitliches Bild beim Wahlverhalten

Bei der österreichischen Nationalratswahl 2024 fiel der Unterschied zwischen jüngeren Frauen und Männern gering aus: Frauen unter 45 wählten die FPÖ zu 32 Prozent, Männer zu 36 Prozent. In Deutschland war der Gender Gap bei der Bundestagswahl 2025 größer: Unter den 18- bis 24-Jährigen stimmten 37,1 Prozent der Frauen für die Linke, unter den Männern waren es 17,6 Prozent; die AfD wählten 12,6 Prozent der jungen Frauen, aber 25,2 Prozent der Männer. Besonders ausgeprägt ist der Gender Gap in Polen: Bei der Sejm-Wahl 2023 unterstützten junge Männer deutlich häufiger die rechtsextreme Konfederacja, während junge Frauen häufiger für die Zivile Koalition (Koalicja Obywatelska) von Donald Tusk oder die Neue Linke (Nowa Lewica) stimmten.

Wie erklärt die Forschung den Gender Gap?

Die Forschung zu politischen Geschlechterunterschieden in der jüngsten Generation wächst. Klar ist: Es gibt nicht den einen Grund für diesen Gender Gap, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.

Ein zentraler Erklärungsansatz sind ökonomische Statusverlustängste unter jungen Männern. In Gesellschaften, in denen traditionelle Männlichkeitsentwürfe an Selbstverständlichkeit verlieren und Frauen Männer bildungsmäßig längst überholt haben, suchen manche jungen Männer nach neuer Orientierung, und finden sie bei rechteren Parteien. Diese rechtsaußen-Parteien haben das erkannt und ihr Angebot gezielt auf eine junge, männliche Klientel ausgerichtet. Im EU-Wahlkampf 2024 warb der umstrittene AfD-Kandidat Maximilian Krah auf TikTok mit dem Slogan „Echte Männer sind rechts“ – ein Beispiel dafür, wie explizit diese Ansprache inzwischen ist.

Gleichzeitig lässt sich eine zunehmende Politisierung junger Frauen beobachten, befeuert durch #MeToo und andere feministische Bewegungen, beispielsweise Proteste gegen Abtreibungsverbote in Polen. Soziale Medien spielen dabei eine ambivalente Rolle: Für junge Frauen sind sie oft Mobilisierungsraum, der politisches Engagement rund um Gleichstellung, reproduktive Rechte oder Gewalt gegen Frauen erst möglich macht. Für junge Männer können dieselben Plattformen in eine ganz andere Richtung wirken: Influencer wie Andrew Tate erreichen auf TikTok und YouTube Millionen mit antifeministischen und frauenfeindlichen Botschaften, ohne dass diese durch andere Inhalte in denselben Feeds gebrochen werden. Algorithmen verstärken diese Spaltung, indem sie Männer und Frauen in grundlegend unterschiedliche Informationswelten lenken.

Forschungsprojekt gibt neue Einblicke

Im Rahmen des Projekts „Equali-Z-e“ der sozialdemokratischen Foundation for European Progressive Studies (FEPS), in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, ETERON, den Universitäten Hamburg und Göteborg sowie dem Think Tank d|part, wurden Umfragedaten des European Social Survey (ESS) von 2002–2024 ausgewertet und Gruppendiskussionen mit jungen Männern und Frauen in Deutschland, Griechenland, Polen, Schweden und Spanien durchgeführt. Für diesen Beitrag werden statistische Daten des ESS von 2023/24 aus Deutschland und Polen herangezogen; die österreichischen ESS-Daten wurden für diesen Beitrag zusätzlich berechnet.

Off & Spöri (2026), eigene Berechnungen
Off & Spöri (2026), eigene Berechnungen
Off & Spöri (2026), eigene Berechnungen

Die drei Fallbeispiele zeigen ein sehr unterschiedliches Bild: Innerhalb der Generation Z (hier definiert als die Altersgruppe der 15- bis 29-Jährigen) lassen sich statistisch relevante Geschlechterunterschiede in der Ideologie nur in Polen nachweisen. Dort verorten sich junge Männer auf einer Skala von 0 (extrem links) bis 10 (extrem rechts) deutlich weiter rechts als junge Frauen. Bemerkenswerterweise beschränkt sich dieser Effekt in Polen auf die jüngste Altersgruppe. In Deutschland und Österreich hingegen zeigt sich dieser Befund nicht in der Generation Z, dafür aber ausgeprägt bei den 30- bis 49-Jährigen, also jener Altersgruppe, die gleichzeitig den stärksten Zuspruch für die AfD und die FPÖ aufweist.

Die unterschiedlichen Muster zeigen sich auch darin, wie Männer und Frauen die Aussage bewerten, dass Frauen am Arbeitsmarkt benachteiligt werden. In Polen besteht ein genereller Gender Gap: In allen Altersgruppen unterscheiden sich die Einschätzungen von Männern und Frauen, wobei der Unterschied unter den 15- bis 29-Jährigen am größten ist. Junge polnische Männer stimmen am seltensten zu, dass Frauen am Arbeitsmarkt diskriminiert werden. In den beiden deutschsprachigen Ländern hingegen findet sich dieser Effekt in der Generation Z nicht. Hier zeigen sich statistisch relevante Geschlechterunterschiede nur unter den 30- bis 49-Jährigen in Deutschland und unter den 50- bis 64-Jährigen in Österreich.

Off & Spöri (2026), eigene Berechnungen
Off & Spöri (2026), eigene Berechnungen
Off & Spöri (2026), eigene Berechnungen

Die statistischen Daten zeigen, dass der Gender Gap in der Generation Z kein universelles Phänomen in Europa ist. In Deutschland und Österreich ist er in den Umfragedaten schwächer ausgeprägt beziehungsweise nicht vorhanden als in Polen oder auch in den in der Studie untersuchten Ländern wie Schweden oder Spanien, wo junge Männer und Frauen sich deutlich weiter auseinanderbewegen als in Deutschland und Österreich. Die Frage warum der Gender Gap in der Generation Z in manchen Ländern ausgeprägter ist als in anderen, und in manchen Ländern gar nicht vorhanden ist, bleibt dabei bisher unbeantwortet. 

Was junge Menschen selbst sagen

Die Gruppendiskussionen geben dem Zahlenbild ein Gesicht und zeigen ein differenzierteres Bild. Auffällig ist, was junge Männer und Frauen verbindet: In allen fünf Ländern teilen sie ähnliche Erfahrungen von wirtschaftlicher Unsicherheit und gesellschaftlichem Wandel. Im Grundsatz befürworten fast alle Geschlechtergleichstellung. Der Gender Gap liegt in der Wichtigkeit, die dem Thema zugeschrieben wird.

Viele junge Frauen halten Gleichstellung für ein zentrales politisches Anliegen und berichten von eigenen negativen Erfahrungen: ungleiche Bezahlung und Aufstiegschancen am Arbeitsmarkt, die nach wie vor ungleiche Verteilung von Fürsorge- und Pflegearbeit sowie Erfahrungen mit Belästigung und Gewalt. Zugleich antizipieren viele künftige Einschränkungen ihrer Möglichkeiten, etwa wenn es um Familienplanung, Berufsunterbrechungen oder die Vereinbarkeit von Karriere und Care-Arbeit geht. Sie verknüpfen das Thema mit dem eigenen Leben, priorisieren es und sind offen für strukturelle Veränderungen und stärkere Repräsentation von Frauen. Junge Männer hingegen unterstützen Gleichstellung zwar im Grundsatz, betrachten sie aber häufig als ein Frauenthema, das sie selbst nicht unmittelbar betrifft. Das bedeutet nicht zwingend Ablehnung, aber oft eine deutlich geringere persönliche Involviertheit. Feminismus wird von einigen auch als potenziell extrem oder gar bedrohlich wahrgenommen.

Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Wie lässt sich Gleichstellung so vermitteln, dass sie nicht primär als Anliegen von Frauen gilt, sondern als gesellschaftlicher Gewinn für alle?

Die Gruppendiskussionen geben darauf einen ersten Hinweis. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit neigen einige junge Männer dazu, Gleichstellung als Nullsummenspiel zu verstehen: Was Frauen gewinnen, verlieren sie. Traditionelle Familienrollen erscheinen dann attraktiv, weil sie Stabilität und Schutz versprechen. Auch wenn den meisten bewusst ist, dass ein Alleinverdiener-Modell heute finanziell kaum realisierbar ist, bleibt es teilweise die Idealvorstellung. In Polen tritt dieser Widerspruch zwischen Wunsch und Realität besonders offen zutage: Hier hat die jahrelange politische Auseinandersetzung um das Abtreibungsverbot junge Frauen in einem Ausmaß politisiert, das den Gender Gap spürbar vertieft hat.

Was jetzt zu tun ist

Die Generation Z ist keine homogene Einheit. Sie driftet entlang von Geschlecht politisch auseinander, in manchen Ländern stärker als in anderen. Das ist eine Herausforderung für Parteien, die progressive Wählerinnen und Wähler ansprechen wollen: Sie müssen junge Frauen und junge Männer erreichen, ohne die einen gegen die anderen auszuspielen.

Der Schlüssel liegt im passenden Narrativ. Solange Gleichstellung primär als Frauenthema kommuniziert wird, wird sie viele junge Männer nicht erreichen oder schlimmer: als Bedrohung wahrgenommen. Politik und zivilgesellschaftliche Akteure müssen zeigen, dass Gleichstellung kein Nullsummenspiel ist, bei dem Gewinne für Frauen auf Kosten von Männern gehen, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn. Das bedeutet konkret: Gleichstellung muss mit wirtschaftlichen Chancen und stärkeren sozialen Sicherheitsnetzen verknüpft werden. Nur dann kann sie aufhören, ein vages Prinzip zu sein, und Teil einer glaubwürdigen Vision für eine gerechtere Zukunft werden, einer Vision, die junge Männer nicht als Verlierer adressiert, sondern als Mitgestalter.

Die Gruppendiskussionen zeigen: Der Wille zur gemeinsamen Lösung ist vorhanden. Junge Männer sind nicht grundsätzlich gegen Gleichstellung, jedoch fühlen sie sich von der bisherigen Debatte zu selten angesprochen. Darin liegt kein Grund zur Resignation, sondern eine politische Chance. Die Frage ist, ob die Politik bereit und fähig ist, sie zu nutzen.

Titelbild: Czarny Protest Gdańsk 2016

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