Nationalistische Rituale in der Ukraine – Wirkungen und Ursachen
Im Mai hatte Präsident Selenskij beschlossen, dass die Gebeine Andrij Melnyks, des Führers eines der beiden Flügel der Organisation Ukrainischer Nationalisten von Luxemburg, wo er 1964 beerdigt worden war, in die Ukraine umgebettet werden. Das geschah am 25. Mai während eines Staatsakts, bei dem neben dem ukrainischen Präsidenten auch der Chef seiner Präsidialverwaltung, Budanov, und der frühere ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko anwesend waren.
Außenpolitische Wirkungen
Die „FAZ“ verwies in einem Beitrag am 29. Mai sowohl auf polnische, russische als auch israelische Reaktionen, die dieser Umbettung in unterschiedlicher Schärfe kritisierten. Hier soll es nur um die polnischen Reaktionen gehen. Polen ist einer der engagiertesten Unterstützer der Ukraine und deshalb ist die Beziehung beider Staaten besonders wichtig. Ministerpräsident Donald Tusk sagte, die Entscheidung Selenskyjs verletze die historische Sensibilität und sei beunruhigend. ‚Präsident Selenskyj und unsere ukrainischen Freunde müssen sich bewusst sein, was das düstere Erbe der Ukrainischen Aufstandsarmee (Ukrajinska powstanska armija; UPA) aus Sicht jedes Polen und jeder Polin bedeutet‘“[i]
Auf welchen historischen Ereignissen beruht diese Reaktion? Andrij Melnyk war einer der Führer der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN), die sich 1940 in eine von ihm geführte Organisation (OUN /M/) und eine von Stepan Bandera geführte Organisation (OUN /B/) spaltete[ii]. Weiterhin wird über deren Tätigkeit während der Zeit des Zweiten Weltkriegs festgestellt: „Im Allgemeinen unbestritten ist, dass Angehörige der OUN und UPA mit den deutschen Besatzern zusammengearbeitet haben und einen Beitrag zur Vernichtung der Juden und der Ermordung von Polen und Roma geleistet haben“. Ebenso unbestritten ist die zwischen 1943 und dem Kriegsende erfolgende Ermordung von Polen in den ländlichen Gebieten Wolhyniens, in der Westukraine, die in der Zwischenkriegszeit zum polnischen Staat gehörte. Dabei wurden nach unterschiedlichen Angaben zwischen 60 und 100 Tausend Menschen ermordet. Zur Kollaboration mit dem nazistischen Deutschland gehört auch, dass Angehörige der beiden Flügel der OUN innerhalb von Wehrmacht (Bataillon Nachtigall) und der SS-Division „Galizien“ gekämpft haben[iii].
Die Ermordung der großen Zahl von Polen ist auch der Hintergrund der oben zitierten Aussage von Donald Tusk. Heftiger noch reagierten der polnische Präsident Nawrocki, der beabsichtigt, Wolodymyr Selenskij einen hohen polnischen Orden abzuerkennen. Lech Wałęsa, der ehemalige polnische Präsident und Friedensnobelpreisträger, bisher auch auf EU-Ebene ein ausgesprochener und prominenter Unterstützer der Ukraine, wird von der FAZ mit den Worten zitiert: „‘Der Präsident der Ukraine hat mich und all unsere ermordeten Landsleute beleidigt, indem er die Banditen der UPA ausgezeichnet hat.‘ Er trage deshalb ab sofort nicht mehr die ukrainische Flagge an seiner Brust, erklärte Wałęsa. Er werde die Ukraine weiterhin im Kampf gegen Russland unterstützen, Selenskyj allerdings nicht.“ Geplant sind noch weitere Umbettungen, u.a. die der sterblichen Überreste Stepan Banderas, dessen Grab sich in München befindet. So soll ein Ort des Gedenkens an ukrainische Helden geschaffen werden[iv].
Wozu benötigen Staaten die postume Ehrung von Helden
Nun ist die Ukraine bei der Einrichtung eines Panthéons für nationale Helden nicht allein in Europa: Frankreich ehrte seine Helden ebenso mit einer Ruhmeshalle. Auch in den staatsozialistischen Gesellschaften gab es Mausoleen, etwa für Lenin in Moskau oder für Gottwald in Prag. Innenpolitisch hatte das, ungeachtet der unterschiedlichen politischen Ordnungen der entsprechenden Staaten, immer das Ziel, den eigenen Staat über den Alltag seiner Bürger zu erheben, seine Ziele in gewissem Maße zu heiligen. Nicht zuletzt in Zeiten der Bedrohung des Staates durch äußere Mächte und v.a. in Kriegszeiten werden solche Bedürfnisse noch stärker ausgeprägt.
Gleichzeitig erregen solche nationalistischen Aktionen nicht nur im Ausland Besorgnis, sondern auch in Teilen der ukrainischen Bevölkerung. Im Westen der Ukraine wurde sie anders gesehen als im Osten und Süden. In der Ukraine war schon die Politik von Präsident Juschtschenko, der u.a. Stepan Bandera den Orden „Held der Ukraine“ verlieh, umstritten. Mit Juschtschenko wurde eine nationalistische Geschichtspolitik zur ukrainischen Staatsräson. Ein weiterer Präsident, Petro Poroschenko, sorgte dafür, dass der Gründungstag der UPA (der Ukrainischen Aufstandsarmee) am 14. Oktober zum nationalen Feiertag zu Ehren der ukrainischen Armee wurde, zum Tag der Verteidiger und Verteidigerinnen der Ukraine. Seitdem ertönt auch bei allen Staatsfestlichkeiten der Ruf der UPA: „Ruhm der Ukraine – Den Helden Ruhm“. Und Präsident Selenskij verlieh gerade eben einer Militäreinheit den Titel „Helden der Ukrainischen Aufstandsarmee“. Mit der Präsidentschaft von Juschtschenko (2005-2010) wurde der Nationalismus, der bis dahin v.a. in der Westukraine verwurzelt war, zur Leitlinie des Staates insgesamt.
Innenpolitische Wirkungen des Nationalismus
Der ukrainische Nationalismus äußert sich aber nicht nur in historischer Symbolik, sondern greift auch deutlicher in das Alltagsleben der Bevölkerung ein. Die öffentliche Nutzung der Sprache von Minderheiten wurde eingeschränkt. Bei Gesprächen in Behörden und vor Gericht sollte nur noch Ukrainisch gesprochen werden. In einem Land, in dem es traditionell verschiedene Kirchen gibt, begann mit der Bildung der „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ 2018, die durch Präsident Poroschenko faktisch als Staatskirche geschaffen wurde, der Prozess einer Beschränkung der Rechte der bis dahin Mitgliederstärksten orthodoxen Kirche der Ukraine, der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche“. Letztere ist seit September 2024 durch ein neues Gesetz vom Verbot ihrer Tätigkeit bedroht.
Natürlich hat der russische Überfall auf die Ukraine seit dem Februar 2022 diesen Prozess verschärft. Seit einiger Zeit versucht die Ukraine sich vom russischen kulturellen Erbe zu befreien. So kam es zu Umbenennungen von Straßen, die Namen tragen, welche von der gemeinsamen Staatlichkeit mit Russland zwischen 1654 und 1991 zeugen. Diese Umbenennungen finden auch über die Köpfe der jeweiligen Gemeinden statt. Gegen den Widerstand des gewählten Bürgermeisters von Odessa sollte eine Büste des russischen Dichters Puschkin beseitigt werden. Der vom Präidenten eingesetzte Vorsitzende der Gebietsverwaltung von Odessa, Oleg Kiper, hat das schließlich durchgesetzt.
In Kiew hingegen wurde die Befreiung vom sowjetischen, als russisch gedeuteten künstlerischen Erbe, durch einen Beschluss des Stadtparlaments selbst besiegelt. Im Dezember 2025 wurde beschlossen, das Denkmal für Michail Bulgakow vor seinem früheren Wohnhaus in Kiew zu beseitigen. Ebenfalls abgeräumt wurden die Denkmäler für die Poetin Anna Achmatowa und den Musiker Michail Glinka sowie eine Gedenktafel für Peter Tschaikowski[v]. Das Denkmal für den Schriftsteller Bulgakow, der in Kiew geboren ist und durch Stalins Repressalien umkam, ist inzwischen beseitigt. Bulgakow wird nicht zuletzt wegen seiner Erzählung „Die Weiße Garde“ Hass auf die Ukraine vorgeworfen, weil in seiner Darstellung der Wirren des Bürgerkriegs der ukrainische Staatsgründer Petljura nicht gut wegkommt. Das mag vielleicht dessen historische Bedeutung aus Sicht nationalistischer Geschichtspolitik nicht ausreichend würdigen, aber es mindert den literarischen Wert der Erzählung keinesfalls.
Die nationalistische Symbolpolitik muss nach dem Ende des Krieges überwunden werden
Die nationalistische Geschichtspolitik, welche sich in der Umbettung von den umstrittenen Helden der UPA äußert, bewertet der ukrainischen Soziologen Volodymyr Ishenko, der im deutschen Exil lebt, wie folgt: „Wenn man sich fragt, warum Selenskij die Umbettung und Glorifizierung von Andrij Melnik […] überhaupt vorgenommen hat […] dann ist das die Antwort: Wenn die Mehrheit nicht kämpfen will, muss man die mobilisierte Minderheit stützen…“[vi]
Solche Zugeständnisse an nationalistische Gruppen
in der ukrainischen Gesellschaft haben allerdings Langzeitkonsequenzen auch für
die Zeit nach dem Ende des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Das Land muss
dann nicht nur seine materiellen Wunden heilen, sondern auch die Risse in der
ukrainischen Gesellschaft kitten. Der nationalistische Überschwang wurde nur
von einem kleinen Teil der Bevölkerung gutgeheißen. Andere Teile, v.a. die
Angehörigen vieler ethnischen Minderheiten, fühlten sich wegen ihrer
kulturellen Identität diskriminiert. Die demokratischen Institutionen müssen
dabei helfen, einen neuen Konsens in der Bevölkerung über das zu finden, was
die übergreifende Identität der multiethnischen Ukraine sein kann. Dafür muss
dann auch eine neue Bewertung der eigenen Geschichte und deren Verwobenheit mit
der der umliegenden Staaten vorgenommen werden.
[i] Siehe den Beitrag von Stefan Locke: „Aus polnischer Sicht ehrt Selenskyj die Falschen“, Link: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/melnyk-aus-polnischer-sicht-ehrt-selenskyj-den-falschen-200881172.html
[ii] Siehe die Dokumentation des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages, Link: https://www.bundestag.de/resource/blob/908756/a40b294b8006bf7b3fc97b2295007b79/WD-1-022-22-pdf.pdf In der Dokumentation wird auch das Buch des kanadischen Historikers John-Paul Himka zitiert, das 2021 in Stuttgar erschienen ist: Ukrainian nationalists and the Holocaust. OUN and UPA’s participation in the destruction of Ukrainian jewry, 1941-1944.
[iii] Siehe etwa den Bericht von Franziska Lindner am 4.6.26 in Telepolis: Kiews umstrittene Heldenverehrung: Melnyk Beisetzung sorgt für Kritik. Link: https://www.telepolis.de/article/Kiews-umstrittene-Heldenverehrung-Melnyk-Beisetzung-sorgt-fuer-Kritik-11317360.html
[iv] Ebenda.
[v] Siehe dazu den Bericht in „Strana“ vom 19.12.2025, Link: https://ctrana.one/news/496864-v-kieve-demontirujut-pamjatniki-bulhakovu-akhmatovoj-i-hlinke.html
[vi] Zitiert aus dem Beitrag von Stefano di Lorenzo „Die Ukraine verprellt nun sogar Polen“ in „Globalbridge“. Link: https://globalbridge.ch/die-ukraine-verprellt-nun-sogar-polen/
Quelle Titelfoto: Präsidialamt der Ukraine

